GER205H1 Lecture Notes - Das Erste, Piper Verlag, Gastarbeiter

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Published on 15 Apr 2013
School
UTSG
Department
German
Course
GER205H1
Professor
Şinasi Dikmen
Wer ist ein Türke?
Zuerst erschienen in: Şinasi Dikmen, Hurra, ich lebe in Deutschland, München: Piper 1995, S. 75–79
© Piper Verlag GmbH, München
Dikmen (geboren 1948 in Samsun, Türkei) kam 1972 in die Bundesrepublik und machte sich einen
Namen als Satiriker und Komiker. 1983-84 hatte er Gastauftritte in der Fernsehsendung
Scheibenwischer mit Dieter Hildebrandt. Zusammen mit Muhsin Omurca gründete Dikmen 1986 das
erste türkischdeutsche Kabarett Knobi-Bonbon in Ulm. Die Satire auf den türkischen Zeit-Leser stellt
gewissermaßen einen Kontrapunkt zur vorliegenden Dokumentation dar, die viele Artikel aus der Zeit
enthält.
Wer ist ein Türke? Wie erkennt man ihn, woher weiß man, ob jemand ein Türke, ist?
Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich in Deutschland bin. In der Türkei war für
mich jeder ein Türke, den ich kannte und mit dem ich türkisch sprach. Als ich klein
war die erwachsenen Türken waren auch einmal klein glaubte ich, daß es auf der
Welt nur eine Sprache gäbe, nämlich die türkische, und daher alle Menschen dieser
Erde Türken seien.
Man redete über Amerikaner, über Russen, über Franzosen, aber konkrete
Vorstellungen hatten wir von diesen Menschen nicht. Ja, ein böser Russe sieht wie ein
gefährlicher Bär aus, ein Amerikaner ist die reine Freundlichkeit, und ein Deutscher
ist treu wie ein Schäferhund. Dies alles waren nur vage Vermutungen, aber ein
Gesicht bekamen wir nie zu sehen. In der Realschule lernte ich Französisch, ohne je
einen Franzosen leibhaftig gesehen zu haben. Wir erfuhren, wo Paris liegt, wie hoch
die französische Kultur ist, dazu lernten wir Lieder auf französisch auswendig.
Meine Vorstellungen von den Türken, das waren meine Eltern, meine Geschwister,
meine Verwandten und die Dorfbewohner und all die anderen, die ich irgendwie
kennengelernt und gesehen habe, bis ich nach Deutschland kam.
In Deutschland fragten mich erst die Deutschen und dann ich mich selbst: Wer ist ein
Türke? Viele glauben, ein Türke sei der, der einen schwarzen Schnurrbart und einen
türkischen Paß hat. Es gibt in Europa aber viele Türken, die keinen türkischen Paß
haben, darunter sogar etliche, denen gar der Schnurrbart fehlt.
Aber wer ist dann ein Türke? Fragen Sie mal einen türkischen Konsulatsbeamten. Sie
werden mit Sicherheit folgende Antwort bekommen: »Nur die Angehörigen des
Konsulats sind Türken, die anderen, die in Deutschland sind, sind reine Gastarbeiter,
aber keine Türken.« Jetzt wissen wir, daß nicht alle türkischen Gastarbeiter Türken
sind.
Bin ich ein Türke? Oder kein Türke? Wenn ich kein Türke bin, was bin ich dann?
Und wenn ich doch Türke bin? Was ist der Konsulatsbeamte? Mit einem griechischen
Gastarbeiter habe ich mehr Gemeinsamkeiten als mit diesem Beamten. Aber dieser
Grieche kann nicht türkisch; auch wenn er könnte, würde er mit mir bei den anderen
Griechen nicht türkisch sprechen. Bin ich etwa ein getürkter Türke?
Wenn man in Deutschland einen Ford-Granada fährt, so fährt man eine
Türkenkutsche. Wie hieß der Türke, der dieses Auto entworfen und produziert hat?
Hieß derjenige, der die erste Plastiktüte erfand, Ali Osman oder Mehmet Ali?
Ich bin in der Türkei geboren, mit türkischer Erziehung aufgewachsen. Meine Eltern
sind Türken wie meine Geschwister und meine Verwandten. Ich habe die türkische
Schule besucht, als türkischer Gastarbeiter bin ich nach Deutschland gekommen, als
Türke habe ich mich beim Ausländeramt gemeldet. Meine Krankenversicherung,
meine Rente und meine Autoversicherung laufen unter der Nationalität »Türke«, und
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Document Summary

Zuerst erschienen in: inasi dikmen, hurra, ich lebe in deutschland, m nchen: piper 1995, s. 75 79. Dikmen (geboren 1948 in samsun, t rkei) kam 1972 in die bundesrepublik und machte sich einen. Zusammen mit muhsin omurca gr ndete dikmen 1986 das erste t rkischdeutsche kabarett knobi-bonbon in ulm. Die satire auf den t rkischen zeit-leser stellt gewisserma en einen kontrapunkt zur vorliegenden dokumentation dar, die viele artikel aus der zeit enth lt. Diese fragen besch ftigen mich, seit ich in deutschland bin. In der t rkei war f r mich jeder ein t rke, den ich kannte und mit dem ich t rkisch sprach. Als ich klein war die erwachsenen t rken waren auch einmal klein glaubte ich, da es auf der. Welt nur eine sprache g be, n mlich die t rkische, und daher alle menschen dieser. Man redete ber amerikaner, ber russen, ber franzosen, aber konkrete.

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