Class Notes (834,152)
Canada (508,380)
German (46)
GER205H1 (1)
Lecture

dikmen-tc3bcrke.doc

3 Pages
119 Views
Unlock Document

Department
German
Course
GER205H1
Professor
Erol M Boran
Semester
Winter

Description
Şinasi Dikmen Wer ist ein Türke? Zuerst erschienen in: Şinasi Dikmen, Hurra, ich lebe in Deutschland, München: Piper 1995, S. 75–79 © Piper Verlag GmbH, München Dikmen (geboren 1948 in Samsun, Türkei) kam 1972 in die Bundesrepublik und machte sich einen Namen als Satiriker und Komiker. 1983-84 hatte er Gastauftritte in der Fernsehsendung Scheibenwischer mit Dieter Hildebrandt. Zusammen mit Muhsin Omurca gründete Dikmen 1986 das erste türkischdeutsche Kabarett Knobi-Bonbon in Ulm. Die Satire auf den türkischen Zeit-Leser stellt gewissermaßen einen Kontrapunkt zur vorliegenden Dokumentation dar, die viele Artikel aus der Zeit enthält. Wer ist ein Türke? Wie erkennt man ihn, woher weiß man, ob jemand ein Türke, ist? Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich in Deutschland bin. In der Türkei war für mich jeder ein Türke, den ich kannte und mit dem ich türkisch sprach. Als ich klein war – die erwachsenen Türken waren auch einmal klein – glaubte ich, daß es auf der Welt nur eine Sprache gäbe, nämlich die türkische, und daher alle Menschen dieser Erde Türken seien. Man redete über Amerikaner, über Russen, über Franzosen, aber konkrete Vorstellungen hatten wir von diesen Menschen nicht. Ja, ein böser Russe sieht wie ein gefährlicher Bär aus, ein Amerikaner ist die reine Freundlichkeit, und ein Deutscher ist treu wie ein Schäferhund. Dies alles waren nur vage Vermutungen, aber ein Gesicht bekamen wir nie zu sehen. In der Realschule lernte ich Französisch, ohne je einen Franzosen leibhaftig gesehen zu haben. Wir erfuhren, wo Paris liegt, wie hoch die französische Kultur ist, dazu lernten wir Lieder auf französisch auswendig. Meine Vorstellungen von den Türken, das waren meine Eltern, meine Geschwister, meine Verwandten und die Dorfbewohner und all die anderen, die ich irgendwie kennengelernt und gesehen habe, bis ich nach Deutschland kam. In Deutschland fragten mich erst die Deutschen und dann ich mich selbst: Wer ist ein Türke? Viele glauben, ein Türke sei der, der einen schwarzen Schnurrbart und einen türkischen Paß hat. Es gibt in Europa aber viele Türken, die keinen türkischen Paß haben, darunter sogar etliche, denen gar der Schnurrbart fehlt. Aber wer ist dann ein Türke? Fragen Sie mal einen türkischen Konsulatsbeamten. Sie werden mit Sicherheit folgende Antwort bekommen: »Nur die Angehörigen des Konsulats sind Türken, die anderen, die in Deutschland sind, sind reine Gastarbeiter, aber keine Türken.« Jetzt wissen wir, daß nicht alle türkischen Gastarbeiter Türken sind. Bin ich ein Türke? Oder kein Türke? Wenn ich kein Türke bin, was bin ich dann? Und wenn ich doch Türke bin? Was ist der Konsulatsbeamte? Mit einem griechischen Gastarbeiter habe ich mehr Gemeinsamkeiten als mit diesem Beamten. Aber dieser Grieche kann nicht türkisch; auch wenn er könnte, würde er mit mir bei den anderen Griechen nicht türkisch sprechen. Bin ich etwa ein getürkter Türke? Wenn man in Deutschland einen Ford-Granada fährt, so fährt man eine Türkenkutsche. Wie hieß der Türke, der dieses Auto entworfen und produziert hat? Hieß derjenige, der die erste Plastiktüte erfand, Ali Osman oder Mehmet Ali? Ich bin in der Türkei geboren, mit türkischer Erziehung aufgewachsen. Meine Eltern sind Türken wie meine Geschwister und meine Verwandten. Ich habe die türkische Schule besucht, als türkischer Gastarbeiter bin ich nach Deutschland gekommen, als Türke habe ich mich beim Ausländeramt gemeldet. Meine Krankenversicherung, meine Rente und meine Autoversicherung laufen unter der Nationalität »Türke«, und ich spreche mit meinen Kindern, soweit es möglich ist, zu Hause türkisch, ich liebe türkisch, ich hasse türkisch, ich esse türkisch und ich sch... türkisch, und ich glaubte fest daran, daß ich ein Türke sei – bis mir dieser Vorfall passierte. Vor einigen Jahren nahm ich an einer Lesung in Hameln teil und stieg in Hannover in den Zug Richtung Ulm. Es war eine gute Lesung in Hameln. Das Publikum war nett, wir unterhielten uns angenehm, diskutierten über die Situation der Türken und über die Deutschen, über Gott und die Welt. Nach der Lesung gingen wir in ein griechisches Lokal, in dem wir fast türkisch aßen. Am nächsten Tag wurde ich von einer Dame bis zum Bahnhof in Hannover gefahren. Ich betrat ein Abteil, in dem nur ein ält
More Less

Related notes for GER205H1

Log In


OR

Join OneClass

Access over 10 million pages of study
documents for 1.3 million courses.

Sign up

Join to view


OR

By registering, I agree to the Terms and Privacy Policies
Already have an account?
Just a few more details

So we can recommend you notes for your school.

Reset Password

Please enter below the email address you registered with and we will send you a link to reset your password.

Add your courses

Get notes from the top students in your class.


Submit